Sei individuell!

Ich bin deprimiert.
Nein, ganz ehrlich: zu Tode betrübt und zutiefst verunsichert in allem, was ich bin und jemals vorgab zu sein. Dabei fing mein Tag so harmlos an, ich hätte bloß einfach nicht die Abkürzung durch die Alte Schönhauser nehmen dürfen! Noch eben befand ich mich bestgelaunt auf dem Weg zum Sport – und jetzt befinde ich mich direkt in einer mittelschweren Lebenskrise.
Super.
Böse Zungen behaupten ja immer wieder, Berlin sei die Stadt, in der die Neurosen blühen – doch das stimmt nicht. Hier in Berlin-Mitte blüht, so wie ich jetzt weiß, die Individualität: von Frühjahr bis Winter, von links nach rechts, von morgens um acht bis spät in die Nacht. Hippe, erfolgreiche, junge Menschen treffen andere hippe, erfolgreiche junge Menschen auf der Straße, um über ihre hippen, erfolgreichen Projekte und Lebenskonzepte zu diskutieren. Klingt ja erstmal nicht verkehrt – wäre da nicht das Ding mit eben jener Individualität, die mir Fragen aufwirft.
Ich bin wohl einfach zu blöd, denn ich habe es bis heute nicht geschafft, diese Begrifflichkeit zu durchleuchten und für mich begreiflich zu machen: ‘Individualität’ – was zur Hölle ist denn damit gemeint?
“Sei individuell!” schreit es mich förmlich aus den Schaufenstern an. Gibt es Individualität hier vielleicht irgendwo zu kaufen – vielleicht sogar im 3er-Pack bei H&M in der Friedrichstraße?
Oder ist mit ‘Individualität’ die Kombination aus Oversized-Mantel, Wollstrumpfhose und Ballerinas gemeint, die alle hippen jungen erfolgreichen Mädels tragen?
Sind es die mindestens fünf künstlerischen Projekte, in die ich eingebunden sein muß? Bin ich vielleicht schon raus, weil ich Elektro-Musik rotzelangweilig finde?
Bin ich weniger individuell, wenn ich keinen coolen Praktikantenjob in der Designbranche habe, sondern in Vollzeit auf dem Hinterhof der vorstädtischen Schlachterei Schweinehälften zersäge?
Oder ist ‘Individualität’ ein zulässiges Körpergewicht von 50kg, welches für mich als Mann nicht überschritten werden darf? Brauche ich für meine Hüftknochen dann einen Waffenschein?
Und wieviel Individualität darf ich denn eigentlich im Blut haben, falls mich mal die Polizei anhält??
Fragen über Fragen, die mich immer nur noch weiter verwirren… Vielleicht bin ich als Konsument einfach zu unreflektiert. Es ist eben heutzutage für ein Individuum scheinbar nicht mehr damit getan, einfach nur seine eigene Meinung zu haben, diese für sich zu behalten und höchstens mal auf Anfrage zu teilen: nein – im Jahr 2010 setzt man auf Öffentlichkeitsarbeit und grundlose Selbstinszenierung – auch dann, wenn kein Schwein danach fragt.
Und wenn’s eben alle machen, kann’s ja nicht verkehrt sein.
Wenn also der Begriff ‘Individualität’ jene hipp-erfolgreich-konformistische Lebensweise und die damit verbundene Attitüde meint, so bin ich wohl meilenweit davon entfernt, ‘individuell’ zu sein.
Und wenn ich nochmal genau darüber nachdenke…Gott sei Dank!

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