Artikel zum Thema: Herr Von Keil

Herr Von Keil berichtet regelmäßig auf Metropolitan Circus über alltägliche Begebenheiten und mentale Stolpersteine des kontemporären Grossstadtalltags.

Für Sie frisch desinfiziert

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“Das ist er dann wohl, der Winter”, sage ich zu mir selbst und starre auf mein Spiegelbild.
Ja, die Realität kann weh tun. Besonders um 7:30 in der Früh… Und wo die Stadt draußen noch sanft und wattig in Nacht und Nebel gepackt ist, enthüllt das neonhelle Badezimmerlicht jede unschöne Unebenheit meines Antlitzes mit unnachgiebiger Unbarmherzigkeit: hängende, teigige Haut, so farblos und unansehnlich wie der Bauch eines Fisches. Man mag sich ja gar nicht vorstellen, dass es vor dreihundert Jahren tatsächlich mal Mode war, derart bleich und krank auszusehen! Gut, man hat sich damals im Barock auch nicht gewaschen, besonders an Körperregionen, die dies hin und wieder besonders benötigen – aber das ist wieder eine andere Geschichte. Und da wir schließlich leben wir nicht mehr im Barock sondern im 21. Jahrhundert leben, beschließe ich mein wintergebeuteltes Äusseres ein wenig aufzupäppeln und begebe mich kurzerhand – bleich aber immerhin gewaschen – ins nächste Solarium an der Ecke.
Es gibt Momente, in denen man sich so dermaßen fehl am Platz fühlt, dass man sich am liebsten in Luft auflösen möchte. Das Betreten eines Sonnenstudios gehört eindeutig in diese Kategorie. Es ist ein Gefühl wie damals mit 18, als man das erste Mal heimlich einen Sexshop aufgesucht hat. Kaum hat das Läuten der Türglocke einen ankommenden Besucher als solchen entlarvt, unterbrechen alle im Raum anwesenden Personen für einen Augenblick ihre Tätigkeiten, starren zur Tür und scheinen einem in stummer Einhelligkeit entgegen zu feixen: “Na seht mal wer da kommt! Haben wir dich erwischt, du kleine Sau!” Und so fühlt man sich dann auch. Für diese eine Millisekunde ist man einfach ertappt. Ertappt als das schwarze Schaaf – beziehungsweise das Weiße, schließlich ist man bleich wie eine Leiche.
Falls Sie selbst noch niemals ein Sonnenstudio aufgesucht haben, lassen Sie mich Ihnen die Situation kurz erklären: man betritt einen Raum ähnlich dem der Anmeldung einer Arztpraxis – allerdings ohne dessen Sterilität. Das innendekorative Gestaltungsrezept eines Sonnenstudios ist eben so simpel wie es aussieht: orangefarbene Wischtechnik, Keramikmuscheln, Vogelsand – eine Reise für die Sinne, wie ein Ausflug in einen Kleinstadt-Baumarkt, in dem die 90er Jahre niemals aufgehört haben. Mehr braucht es nicht, um den Kunden in sofortige Urlaubsstarre zu versetzen. Und um den mediterranen Alptraum auf jeder Sinnesebene abzurunden, ist es für jedes Sonnenstudio ein ungeschriebenes Gesetz, dass als akustische Beschallung entweder Shakira oder Bryan Adams laufen müssen.
Ich nestele nervös am Saum meiner Jacke und warte auf das fachkundige Personal, das allerdings gerade noch beschäftigt zu sein scheint. Hinter der ebenfalls sehr geschmacklos gestalteten Theke steht im blauen Neonlicht eine junge Frau mit orangenem Gesicht – passend zum Komplementärkontrast – und unterhält sich angeregt mit einem Kunden. Dieser ist ein junger Mann um die zwanzig, mit unproportional aufgepumpten Oberarmen und ebenfalls mit orangenem Gesicht. Offenbar dreht sich das Gespräch um eine versehentlich verlorengegangene Flasche Bräunungscreme. Der junge Mann fuchtelt gestikulierend in der Luft herum und sein orangenes Gesicht glänzt im Licht der Neonreklame wie das eines frisches Spanferkels.
Um mich dieser unangenehmen Situation zu entziehen, ergebe ich mich dem Gejaule von Shakira und zähle die blauen Glasperlen, die man als dekoratives Element zwischen Sunbooster und After-Sun-Lotions in der Auslage der Thekenvitrine aufgereiht hat. Fast merke ich gar nicht, dass ich mittlerweile schon an der Reihe bin.
“Wie lange willste denn?” fragt die junge Frau mit einer Professionalität, die man eigentlich eher aus einer anderen Branche kennt.
“Keine Ahnung – ich bin schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen”, sage ich.
“Ja, das sieht man. Du bist ja schon ziemlich blass.” – Bam, der hat gesessen.
“So? Naja… Was würdest Du mir denn dann empfehlen?”
Dies ist der Moment, auf den jede Solariumsfachangestellte insgeheim wartet. Endlich kann sie den Kunden mit ihrem eifrig erlernten Fachwissen und irrelevanten Peripherinformationen beeindrucken, die dieser dann mit wohlwollenden Hmms und Ahas kommentiert. Nach einem ungefähr dreieinhalbstündigen Fragenkatalog bekommt man dann die Diagnose seines Hauttyps (in meinem Fall “Hauttyp II”), bezahlt einen festgelegten Betrag und darf sich danach endlich auf ein persönlich abgestimmtes Bräunungserlebnis der Extraklasse freuen – fast. Denn keiner wird auf die Röhren gelassen ohne die eine letzte obligatorische Frage:
“Du kennst dich mit dem Gerät aus?”
“Ja.” – Klar. Ist ja auch nicht all zu schwer: eine Taste mit “Start”, eine mit “Stop” und eine, an der man regeln kann, ob es während des Bräunungsvorgangs nach Schwimmbaddusche oder Gartenmarkt riechen soll.
Und wenn man dann endlich alle erforderlichen Einstellungen vorgenommen hat und sich vollständig entblößt auf die Liegefläche fallen lässt, kann es endlich losgehen – mit Ergoline Richtung artifizieller Sommersonne. Und das mitten im Dezember. Der Wahnsinn!
Leider ist der Zustand vorrübergehener Gedankenlosigkeit nie von langer Dauer – denn spätestens wenn Shakira zur nächsten Falsettattacke ansetzt oder das Plexiglas unter einem bedenklich zu knacksen anfängt, beginnen auch die Gedanken sich zu drehen: Welcher unappetitliche Körper wohl vor mir hier drunter gelegen hat? Ist denn das Gerät auch gut desinfiziert? Und wie lange kann ich wohl ins Licht sehen, ohne zu erblinden? Oder wenn sich jetzt obere Teil verkantet hat und ich hier nie wieder rauskomme? Wie lange würde es wohl dauern, bis mich hier drunter jemand findet – nackt und wimmernd, oder gar schon tot? Und überhaupt – sind meine Sachen noch da?? Hab ich auch richtig abgeschlossen? Oder hab ich -
KRACH! – macht es dann und ich knalle mit dem Rücken durch die splitternde Glasscheibe direkt auf die glühend heißen Röhren unter mir.
Quatsch, stimmt gar nicht.
Oder doch? Ist das der Tod? Oder warum sonst ist es auf einmal so dunkel??
Meine kurzzeitige Orientierungslosigkeit löst sich an dieser Stelle glücklicherweise in Luft auf und ich werde von Shakira zurück in die Wirklichkeit gejodelt. Zum ersten Mal bin ich ehrlich froh, diese Stimme zu hören. Ich bin noch da und noch am Leben – meine Bräunungszeit ist bloß vorbei und ich bin einfach nur eingeschlafen. Ein Glück!
Mit zitternden Knien fummle ich mich zurück in meine Klamotten und verlasse schnellstens den Laden.
“War alles okay?” ruft es mir hinterher.
“Ja ja” sage ich.
Und dann stehe ich endlich wieder draußen an der frischen, kalten, grauen Winterluft und bin mächtig stolz, endlich mal was für mein Wohlbefinden getan zu haben. Und wenn mir auch am nächsten Morgen um 7:30 sicher wieder das pure Grauen aus dem Spiegel entgegenblicken wird, so hat es wenigstens einen gesunden Teint. Man tut ja was man kann.

Text: Herr von Keil

Illustration: Tim Brackmann

 

 

Is this the real life? Is this just fantasy?

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Es war ein trist-grauer Spätnovembervormittag und ich stand auf dem Schulhof und weinte. Nicht etwa, weil ich meine Hausaufgaben vergessen hatte oder mir die fünfzig Pfennig für’s Mohrenkopfbrötchen wieder mal in den Gully gefallen sind, nein – ich weinte, weil mein großes Idol nicht mehr war. Einfach fort, unwiederbringlich weg.
Es war der erste Tag in meinem jungen Leben, am dem ich mit aller Wucht mit der Endgültigkeit konfrontiert wurde. Es war der Morgen des 25.11.1991 und am Abend zuvor starb Freddie Mercury.
Wie konnte das sein? Wie konnte der Mann, der mir trotz meiner damals praktisch kaum vorhandenen Englischkenntnisse tagtäglich soviel Kraft, Mut und Farbe ins Leben singt, einfach so sterben??
“Der war schwul und hatte AIDS!” keiften die besonders garstigen Klassenkameraden und sprangen lachend um mich herum wie eine Horde Rumpelstilzchen ums Lagerfeuer. Selbst die Kinder, die sonst üblicherweise als Zielscheibe des willkürlichen Pausenhofspottes dienten, hatten sich in den hässlichen Reigen eingereiht. In diesem Moment wurde mir erstmalig ganz deutlich bewusst, dass Kinder nicht nur gemein, sondern auch unbeschreiblich doof sein können. Tränenüberströmt floh ich in die brennnesselüberwucherte Einsamkeit hinter der hässlichen Turnhalle, zog meinen Walkman auf und war endlich allein mit mir, mit meiner Trauer – und mit Queen auf den Ohren.
Schon damals war mir klar, dass dies zweifelsohne einer jener Augenblicke sein wird, an die man sich sein ganzes Leben lang erinnert. Und so saß ich da im Dornengestrüpp, den lustlosen Sprühregen eines durchschnittsdeutschen Spätherbsttages auf dem Gesicht, und versuchte die Ereignisse dieser letzten Stunden irgendwie zu begreifen: wie ich morgens zum Frühstück in die Küche kam und von meinen Eltern statt des üblichen “Guten Morgen” einem beinahe beiläufigen “Freddie ist tot” begrüßt wurde. Wie ich versucht habe, mir nichts anmerken zu lassen. Wie ich auf mein Zimmer schlich und heulte wie ein Schlosshund um einen Mann, den ich doch eigentlich gar nicht kannte. Und dann natürlich die Kinder -  diese dummen, dummen, ignoranten, kleinen Wichte! Selbst heute, 20 Jahre später, kommen mir immer noch die Tränen, wenn ich an die Intensität dieses Tages zurückdenke. Die Musik von Queen wurde zum unteilbaren Soundtrack meines Lebens. Und mit dem Tod von Freddie Mercury entstand das große Trauma meiner Kindheit.
Doch was ist schon eine Kindheit ohne das ein oder andere traumatisierende Erlebnis? – Sei es nun das Verlieren eines Elternteils im Kaufhaus, der tollwütige Wadenbeißer der Nachbarn oder der große Bruder, der einen mit sechs Jahren dazu nötigt, sich Stephen Kings “Es” anzusehen (an dieser Stelle ein aufrichtiges Tut-mir-leid an meinen kleinen Bruder – ich hatte ja keine Ahnung, was ich dir damit angetan habe…). Es sind die vermeintlichen Kleinigkeiten, all die fiesen kleinen Zwischenfälle in der Kindheit, die uns später in manchen Situationen Dinge tun lassen, die andere nur schwer verstehen können. So schreit die seltsame Ruth aus dem zweiten Stock eben nicht aus schierer Ignoranz das ganze Haus zusammen, wenn sie nachts um halb zwei in ihrer Dusche eine fette Kellerspinne entdeckt – sie kann einfach nicht anders. Sie wird schon ihre Gründe haben. Und auch der sonst so umgängliche Thorsten würgt nicht aus purer Gehässigkeit das halbe Menü wieder hoch, wenn man ihm mitteilt, dass in der Soße Kokosmilch verarbeitet wurde. Wir kennen seine Beweggründe nicht, aber offenbar hat er welche. Er kann einfach nicht anders.
Und seien wir doch mal ehrlich: eigentlich fühlen wir uns doch schon ganz schön toll mit all unseren Macken und Eigenarten, oder? Narben sind ja schließlich sexy. Und nur wer Narben hat, hat auch Geschichten zu erzählen – auch wenn sie vermutlich keiner hören will. Aber Sie sehen – ich zumindest mache es trotzdem! Eben weil ich nicht anders kann. Und wäre das Trauma meiner Kindheit ein anderes gewesen, als das eingangs erwähnte, hätte ich mich infolgedessen wahrscheinlich niemals der Schöngeistigkeit verschrieben und würde stattdessen Panzer fahren in Afghanistan oder Paletten abräumen bei Schlecker.
So müssen solch tief einschneidende Ereignisse nicht immer zwangsläufig in lebenslangen Schmerz und Psychosen münden – es ist eben immer die Frage, wie man mit seiner hart erkämpften Weisheit umgeht und was man bestenfalls daraus macht: es soll ja Leute geben, die fallen mit sechs Jahren von der Leiter, schreiben später ein Buch drüber und sind Millionäre! Denken Sie mal darüber nach! Welcher tiefere Sinn aber nun dahinter steht, wenn man sich beispielsweise sein Leben lang vor Clowns fürchtet, weiß ich jetzt allerdings auch nicht. In Fällen wie diesen war das Schicksal wohl einfach mal Arschloch.
In meinem Fall sind speckige Turnhallen und feiste Kindergesichter mittlerweile überwunden – doch die Liebe zu meiner Lieblingsband ist geblieben. Unfreiwilliger Kontakt zu doofen Menschen allerdings leider auch. Wie glücklich kann ich mich dann also schätzen, in solchen Momenten einfach wieder zu den Kopfhörern greifen zu können, um gemeinsam mit Freddie zu einer kleinen mentalen Rundreise außerhalb der Realität abzuheben. Eine Clownphobie wäre da mit Sicherheit wesentlich unangenehmer. Und so walze ich Jahr für Jahr mit dem “Millionaire Waltz” durch den Frühling, schwitze in der Sommersonne zu “Seaside Rendezvous” und begrüße mit “A Winter’s Tale” die ersten zarten Schneeflocken – ein schöneres Kindheitstrauma kann ich mir beileibe nicht vorstellen!
Danke, Freddie. ♥

“Fairy tales of yesterday will grow but never die.” (Queen, “The Show Must Go On”, 1991)

Text: Herr von Keil

Illustration: Tim Brackmann

 

 

 

 

 

 

Die Invasion der Rollkoffer

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Die Invasion der Rollkoffer

Mit aller Macht bricht er herein über unserer Stadt – der Frühling.
Endlich!
Nach scheinbar endlosen Monaten dröger Düsternis darf sich Berlin nun wieder von seiner schönsten Seite zeigen und die Menschen strömen scharenweise aus ihren Höhlen hinaus ins Freie, um sich den Muff des Winters aus dem Pelz zu schütteln. Und dann sitzen wir draußen, trinken unseren Kaffee und stellen wie jedes Jahr auf’s Neue fest, weshalb wir hier leben und warum wir sie so lieben – unsere Perle an der Spree.
Das alles könnte so schön sein – doch mit der Sonne spült es auch wieder all die psychologischen Schwerfälle zurück ans Licht, die nur darauf gewartet haben, endlich wieder eine ganze Sommersaison lang ihr Stoffbeutelchen voller Neurosen ausführen zu können. Jene Exemplare trifft man bevorzugterweise an sozialen Ballungszentren wie zum Beispiel dem Sonntagsflohmarkt im Mauerpark, stets bemüht den natürlich-urbanen Charme solcher Orte mit pseudo-elitärem Chauvinismus und unangebrachter Egomanie zu vergiften. – “It’s so Berlin, y’know.”
“Das ist so Berlin” – für all jene, die der englischen Sprache nicht ganz so mächtig sind. Dabei wird Zweisprachigkeit vielerorts mittlerweile ja schon vorausgesetzt – ist unsere Hauptstadt schließlich mittlerweile auch für Besucher aus dem Ausland ein überaus attraktiver Anziehungspunkt. Besonders Besucher aus der Mittelmeerregion und der iberischen Halbinsel haben Berlin längst für sich als primäres Urlaubsziel auserkoren und die Zahl der Übernachtungen steigt von Jahr zu Jahr. Das freut unsere gebeutelte Stadtkasse natürlich sehr. Man könnte es mittlerweile gar als Spaniens Rache für die deutsche Dauerinvasion auf Mallorca halten – gemessen am Grad der Unerträglichkeit des deutschen Durchschnittsurlaubers könnte man derlei Absichten seitens der Spanier sogar noch für gerechtfertigt halten. Aber dass nur wir als Hauptstädter die Suppe auslöffeln müssten, wäre unter diesem Aspekt allerdings mehr als unfair. – “Whatever.”
Daher rumort es seit einigen Wochen ganz gewaltig in den Berliner Szenevierteln: ‘Was wollen die eigentlich hier?’ pöbeln die genervten Anwohner. Gemeint sind all jene vergnügungssüchtigen Wochenend-Touristen aus der europäischen Nachbarschaft wie Italien, Spanien und Dänemark, die das berühmt-berüchtigte Berliner Nachtleben in vollen Zügen auskosten und mal richtig die Sau rauslassen wollen. Dass das den schlaflosen Kiezbewohnern solch unfreiwilliger Partymeilen irgendwann mächtig auf den Zeiger geht, ist nur zu gut nachvollziehbar – umso unverständlicher erscheint die Tatsache, dass andere Leute das scheinbar nicht verstehen können:
“Dann zieh halt nach Stuttgart, da hast du dann deine Ruhe!” – um irgendein saudummes Gegenargument ist die Weltverbesserungsliga ja schließlich nie verlegen. Tja, ihr habt ja auch gut reden von euren grünenden Dachterrassen zur Südseite – ihr müsst ja morgens nicht durch Pissepfützen, Glassplitter und Kotzlachen staksen um die U-Bahn zur Arbeit zu kriegen!
Manch einer von denen geht sogar noch weiter und wirft einem gar eine neue Form von akut-lokalem Fremdenhass vor. …Bitte?? Natürlich nervt es, wenn Maria, Teresa, Mercedes und Alejandro Mittwochnachts um halb drei vor deinem Schlafzimmerfenster die Stadtpläne auspacken und lauthals beratschlagen, in welche In-Lokalität man als nächstes ziehen soll. Und wie das nervt! Aber mindestens genauso nerven auch Dominik, Steffi, Patrick und Lars, wenn sie Freitagnachmittags in der U5 ihr jeweils sechstes alkoholisches Mischgetränk zu sich nehmen und währenddessen lautstark feststellen, dass es zuhause in Neckarsulm ja viel sauberer sei als in Berlin. Allein diese Tatsache sollte vorangehende Unterstellungen im Keim ersticken.
Aber egal in welche Richtung sich diese Diskussionen auch immer entwickeln werden, so wird es eine traurige Gewissheit bleiben, dass die empirische Idiotenquote einer 4-Millionen-Einwohner-Stadt ja leider auch dementsprechend hoch ausfallen muss. Ob die nun aus Barcelona, Hattersheim-Okriftel oder dem zweiten Stock des Nachbarhauses kommen, spielt überhaupt keine Rolle – laute, rücksichtslose Menschen sind nun mal generell scheiße. Und wer anderen ungefragt in den Hausflur pisst, benimmt sich einfach ungehörig. Das ist keine Frage von gegenseitiger Toleranz, sondern schlicht und einfach von gutem Benehmen.
Wenn man beim Kacken schon Streifen hinterlässt, hat man eben auch die Klobürste zu benutzen – Punkt.
Somit bleibt mein bescheidener Appell an die Spaßtouristen von außerhalb: Kommt her, habt Spaß – aber nehmt doch gefälligst einfach ein Quäntchen mehr Rücksicht auf die Menschen, die in dieser Stadt leben. Irgendwann brauchen wir ja auch mal unsere Ruhe – schließlich ist es anstrengend, ständig so hip zu sein!

Text Herr von Keil

Illustration Tim Brackmann

 

 

 

 

 

 

 

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf – den anderen nicht.

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“Menschen sind eben verschieden”.
Diese unglaublich clever pointierte Lebensweisheit gehört zu den ewigen Favoriten seit Entdeckung der Aphorismen. Und das sicherlich nicht ohne Grund – der Homo sapiens ist ja schließlich schon ein ganz buntes Völkchen: Es gibt Dicke und Dünne, Frauen und Männer (in einigen Fällen sogar noch etwas dazwischen), Linkshänder und Rechtshänder. Es sind eben all diese kleinen Unterschiede, die uns zu dem machen, was wir sind und keinem sollte innerhalb unseres sozialen Gefüges je ein Nachteil daraus entstehen.
‘Friede-Freude-Eierkuchen’ – so sollte man meinen: gäbe es da nicht auch noch die Frühaufsteher und die Langschläfer, sogenannte ‘Lerchen’ und ‘Eulen’. Bei diesem Beispiel nimmt man es mit der gesellschaftlichen Toleranz nicht ganz so genau, was sich natürlich zum deutlichen Nachteil für die ‘Eulen’ herausstellt. Aber Deutschlands Stempeluhren kennen nun mal kein Erbarmen und rufen ausnahmslos jeden – ob dick, dünn, breit oder doof – zum Morgenappell. Unter diesem Psychoterror diskriminierendster Ungehörigkeit haben tagtäglich ca. 41 Mio. Bundesbürger zu leiden (Quelle: unüberlegt-hypothetische Mutmaßung des Autors).
Mal ehrlich – was gibt es Schlimmeres als früh aufstehen zu müssen? Noch früher aufstehen zu müssen? Ein schwacher Trost. Und wer um alles in der Welt ist froh darüber, an einem Februarmorgen in aller Herrgottsfrühe die wohlige Wärme des Schlafzimmers gegen die gewachste Sterilität des Arbeitsplatzes eintauschen zu müssen? Sehen Sie! Aber all das Zetern hilft nichts, denn – um es mit einem weiteren Aphorismus zu sagen – “‘s muss ja.”
So schleppt man sich mit schwerem Herzen und noch schwereren Augenlidern durch einen eisigen Spätwintermorgen, der sogar selbst den Anschein macht, irgendwie auch keine Lust zu haben. Und dann sitzt man in der U-Bahn, umgeben von müden Menschen, von denen mal ausnahmsweise keiner ein Wort sagt. Alle sitzen mit geschlossenen Augen und strecken die fahlen Gesichter in die vorbeiratternde Dunkelheit des Untergrunds, in der Hoffnung auf ein Quentchen zusätzliche Nacht. Die Ruhe vor dem Sturm, die letzten wertvollen Sekunden regenerativer Introvertiertheit bevor der Wahnsinn des Alltags über einem ausbricht wie der Vesuv über Pompeji. Diese Momente sind natürlich, ganz gemäß der Einsteinschen Relativität der Zeit, viel zu schnell vorüber und dann geht’s ab ins Büro, in den Laden, in die Fabrik; wohin auch immer es geht – es tut weh.
Dort angekommen erreicht die seelische Demütigung ihren Höhepunkt, wenn einem mit übergrellem Neonlicht auch noch das letzte bisschen Würde genommen wird. Und hängt die Müdigkeit zwar immer noch wie Blei auf dem Gemüt, so steigt die Aggressivität exponentiell ins Unermessliche, wenn der notorisch gutgelaunte Arbeitskollege lautstark seine ausgeschlafene Don’t-worry-be-happy-Attitüde über den Kantinentisch spuckt.
“Freu dich doch, so hast du nachher noch was vom Tag!”
In diesem Moment möchte man aufstehen, die Kaffeetasse an der Tischkante zerschlagen und mit den Scherben diesem besserwisserischen Idioten das Grinsen eigenhändig aus dem Gesicht schneiden. Letzten Endes macht man es dann aber doch nicht, schließlich ist man dazu viel zu müde. Sein Glück.
So beginnt, ob man will oder nicht, ein weiterer Tag im Namen des wirtschaftlichen Aufschwungs.
Ein Tag so endlos öde und lang wie ein Vierteljahrtausend im Hadaikum. Und erst wenn sich auf der Oberfläche dieser endlosen Unerträglichkeit irgendwann die ersten Bakterienstämme gebildet haben und die Wirklichkeit beginnt, surreale Züge anzunehmen, wird man unter Umständen gnädigerweise vom Feierabend erlöst und darf nach Hause gehen. Und weil man ja noch so toll viel vom Tag hat, setzt man zuhause einen Kaffee auf, fällt umgehend gleich ins Bett und schafft – wenn man einer von den ganz Harten ist – noch 15 Minuten von “Verdachtsfälle”. Wenn nicht, schläft man sofort ein, vergisst somit die eingeschaltete Kaffeemaschine und erwacht erst dann, wenn das gesamte Hab und Gut aufgrund eines Kurzschlusses derselbigen in Flammen steht.
Also, liebe Frühaufsteher: ich hoffe Euch ist klar, welcher Gefahr wir Nachtmenschen uns tagtäglich aussetzen, nur um eurem Standard zu genügen! Nehmt deshalb in Zukunft gefälligst ein bisschen mehr Rücksicht auf solche, deren Biorhythmus einen anderen Takt schlägt: die Definition des Begriffes “Nachtruhe” liegt schließlich immer noch im Auge des Betrachters.
Sei es nun 5:00 Uhr oder 14:00 Uhr – unter Berücksichtigung der Unumstößlichkeit all dieser Fakten komme ich zu folgendem Schluss: “Ein Tag kann nur dann funktionieren, wenn ICH bestimme, wann er anfängt!”

Text Herr von Keil

Illustration Tim Brackmann

 

 

 

 

 

Hoppla – da ist etwas schiefgelaufen.

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“Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach! der ist bald allein.”
Ja, Goethe war schon ein schlauer Mann.
Und wer ist schon gern allein? Auf wie viele tolle Dinge müsste man verzichten, wenn man nicht mindestens einen anderen Menschen an seiner Seite hat: Discofoxturniere, Teamsitzungen, Arbeitsplatzteilung…ja selbst Super Mario geht einem wesentlich leichter von der Hand, wenn sich Luigi mit einklinkt. Der Optimalzustand des Menschen besteht nun mal darin, dass er sich zum Kollektiv zusammentut – sei es in Form einer Partnerschaft, einer Familie, einer Freundschaft oder eines Kegelvereins.
Gott sei Dank bin ich nicht allein – ich habe nämlich auf die Zahl genau 478 Freunde. Ja-ha, da werden Sie neidisch, nicht? Und wenn Sie mir nicht glauben, können Sie es schwarz auf weiß nachlesen. Bei Facebook. Die Menschheit hat ja bisher im Laufe ihrer technisch-fortschrittlichen Evolution die tollsten Dinge hervorgebracht – aber seien wir doch mal ehrlich: was sind schon Dinge wie die Erfindung des elektrischen Lichts, des Rads oder der kalorienreduzierten Mikrowellengerichte gegen die unglaublichen Vorzüge des sogenannten ‘social networking’?
Mit nur ein paar Mausklicks stehe ich in engstem Kontakt mit Freunden auf der ganzen Welt und muss selbst für einen unverbindlichen Flirt mit dem potentiellen Begattungspartner nicht einmal vorher die Zähne putzen oder gar frische Unterwäsche anziehen. Stupsen statt duschen – toll, was man da an Wasser- und Heizkosten einsparen kann! Man wird auch viel häufiger eingeladen als früher! Und das ist gut für das Ego. Man muss auch nie wieder Angst haben, eine Veranstaltung zu versäumen – selbst jene Veranstaltungen, die man niemals besuchen würde – schließlich wird man dank des nimmermüden, übereifrigen Enthusiasmus unserer Partymacher-Freunde im Minutentakt darauf hingewiesen.
Auch private Befindlichkeiten lassen sich toll über dieses Medium austragen. Jederzeit kann man seine Freunde überall auf der Welt über seinen Seelenstatus oder die Konsistenz seines Morgenstuhls informieren und auch wenn es einem mal nicht so gut geht, befragt man einfach die allwissende Glücksnuss und lässt die gesamte Öffentlichkeit daran teilhaben – ob sie will oder nicht. Freunde müssen schließlich füreinander da sein. Ja, hier im ‘social network’ wird ‘sozial’ noch groß geschrieben!
Es ist schon verblüffend, wie viele grundelementaren Dinge aus dem zwischenmenschlichen Bereich man heutzutage über den Computer erledigen kann: man findet sich über eDarling, trennt sich über Facebook und zeugt seinen Nachwuchs vielleicht sogar bald über WLAN, wer weiß.
Dabei habe ich mir die Zukunft unserer Zivilisation irgendwie anders vorgestellt. Was ist nur passiert?? Unsere Erwartungen an Utopia waren wohl einfach zu hoch: schließlich sind wir vor 25 Jahren noch davon ausgegangen, dass wir im Jahr 2015 auf unseren Hoverboards durch neonfarbene Innenstädte schweben, um uns mit der hübschen Androidin vom Neptun auf einen Kaffee zu treffen. Aber weit gefehlt: die scheinbar einzigen bedeutsamen Errungenschaften, die uns der vermeintlich rasend-schnelle technische Fortschritt bisher beschert hat, sind batteriebetriebene Pfeffermühlen, Universalfernbedienungen und sprechende Parkhausautomaten. Na super. Schauen wir der ungeschminkten Wahrheit in ihr faltiges Gesicht: das 21. Jahrhundert ist einfach rotzelangweilig! So langweilig, dass die Menschheit scheinbar nichts anderes mehr zu tun hat, als sich gegenseitig mit Belanglosigkeiten, irrelevanten Informationen über uninteressante Tagesaktivitäten und irgendwelcher Farmville-Anfragen auf die Nüsse zu gehen. Oder man verbringt seine Zeit damit, sich durch Urlaubsfotos des eingangs erwähnten Begattungspartners mit seiner neuen Flamme zu klicken, um im Anschluss aufgrund seiner eigenen sozialen Unzulänglichkeit zu verzweifeln.
Ja – wir alle sind mittendrin in einer Zukunft, die eigentlich keiner jemals haben wollte.
Aber immerhin habe ich die tröstende Gewissheit, dass ich nicht alleine bin. Sieh her, Goethe – ich bin nicht allein! Nicht allein…
…aber warum zum Teufel schreibt mich dann keiner an??
Seid ihr etwa alle nicht am Rechner?
Oder liegt es gar an mir?
Ich habe heute doch extra geduscht!
Und während draußen die rote Sonne am Horizont versinkt, starre ich mit roten Augen weiterhin durch den flimmernden Monitor in die schöne neue Welt, in der es niemals dunkel wird. Und erst, als mir die Chatfunktion mit verbindlicher Verlässlichkeit versichert, dass ‘keiner meiner 478 Freunde zur Verfügung steht’, schalte ich mich auf Standby und gehe weinend zu Bett.
Alleine.

Text Herr von Keil

Illustration Tim Brackmann

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