“Zwei Hände und das Material” - Wir waren zu Besuch bei Silberschmied Gaëtan Essayie

“Zwei Hände und das Material” - Wir waren zu Besuch bei Silberschmied Gaëtan Essayie

Es war eine dieser zufälligen Begegnungen, die einen so unerwartet beeindrucken, dass man die Euphorie, die man danach verspürt, nicht für sich behalten will. Ich wargerade auf dem Weg in unser neues Studio als ich feststellte, dass ich eine Straße zu früh abgebogen und in der Naunynstraße, in Berlin Kreuzberg, gelandet bin. Mein Blick blieb an einem Schaufenster hängen, in dem eine goldene Tiermaske und sehr besonderer Silberschmuck ausgestellt war. Unsicher ob es sich um einen Laden oder eine Werkstatt, die man durch die Fensterscheibe sehen konnte, handelte, stand ich davor bis mich jemand herein bat: Gaëtan Essayie, Silberschmied und Handwerkskünstler aus Biot, Frankreich. Wie sich herausstellte waren es seine Schmuckstücke. Die Maske hingegen war Teil einer ganzen Reihe, angefertigt für ein Hermès Store Opening in Shanghai von Guillaume Airiaud, einer von drei anderen Künstlern mit denen sich Gaëtan das Volksluxus Atelier  teilt.

Silberschmuck-Designer Gaëtan Essayie

Silberschmuck-Designer Gaëtan Essayie

Seit 2013 pendelt der junge Franzose zwischen seinem Atelier in Berlin und seiner Heimatstadt Biot, in der er 2008 das Studio seines verstorbenen Vaters Denis Essayie, ein bekannter Silberschmied, wiedereröffnete. „Das war kein leichter und vor allem kein geplanter Schritt. Für mich war klar, dass ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten will. Ich liebte seine Werksstatt und was er tat, ich wuchs neben seinen Werkzeugen auf und er war ein sehr beliebter Mann in unserer Gegend. Aber ich wollte etwas Anderes”, sagt Gaëtan. So versuchte er sich selbst erst einmal ein paar Jahre lang als Steinmetz und bereiste die Welt, bis er 2007 nach Frankreich zurückkehrte und begann im Atelier befreundeter Silberschmiede zu arbeiten. Diese Zeit war ausschlaggebend für das was er heute seine Berufung nennt, denn er fand einen neuen Zugang zum Silberschmieden.

Schaut man sich seine Schmuckstücke genauer an, so fällt auf, dass sie eine gewisse Rohheit ausstrahlen. Eingedrehte Endstücke, kantige Silberstränge und Schlaufen sind aber nicht etwa unfertige oder gar dekorative Elemente, sondern Teil des Arbeitsprozesses, der laut Gaëtan ruhig sichtbar sein darf. Er fände es schade, dass es in seinem Beruf üblich sei, alles Grobe “wegzuschleifen” oder “überzupolieren”. Zudem entstehen seine Pieces zu aller Erst aus einer Bewegung oder einer technischen Idee heraus. Und für diese Ideen nimmt er sich viel Zeit.

Oft bleibt von der ursprünglichen Skizze eines Stückes nicht viel übrig, weil die eigentliche Form erst im Prozess, sprich im Ausprobieren oder aus einem Fehler heraus entsteht. “Zuerst entsteht eine Schleife, dann ein Haken oder eine Kurve und dann stellt sich heraus, dass es die Lösung für ein anderes Design ist, nach der ich monatelang gesucht habe.”

 

‘Form follows Function’ ist also auch seine Devise und dabei besticht das Endergebnis gerade eben durch dieses Zusammenspiel. Dies ist besonders beeindruckend, wenn man erfährt, dass Viele seiner Werke aus nur einem Stück, quasi aus einem Guss und aus den zwar immer selben, jedoch abgewandelten Techniken bestehen. Für mich, als potenzielle Trägerin, ist diese Raffinesse, die in seinen Stücken steckt, gleichzeitig auch die Schönheit des Werkes. Für Gaëtan ist Ästhetik erreicht, wenn die Augen der Menschen an seinen Schmuckstücken hängen bleiben und mehr darüber wissen wollen. So wie ich.

Bei der Frage, wer die Mensch sind, die seine Stücke tragen, merkt man, dass seine Arbeit mehr als nur “Silber in Schmuck verwandeln” ist. Es ist auch eine sehr sentimentale Angelegenheit: In Biot kommen Leute zu ihm, die Werke seines Vaters aus den Sechzigern tragen und mit Teilen aus seinen aktuellen Serien ergänzen wollen. Denn man kann den Einschlag von Denis Essayie, der einst Seite an Seite mit der berühmten schwedischen Silberschmiedin Vivianna Torun arbeitete, in Gaëtan’s Kreationen durchaus nicht leugnen. Er selbst trägt einen Armreif aus der Hand seines Vaters und eine Abwandlung davon, die zu seinem eigenen Repertoire gehört. Dieses umfasst mittlerweile mehrere Serien an Armreifen, Ohrringen, Ketten und Ringen.

Roh und filigran zugleich

Roh und filigran zugleich

 

In Berlin hingegen sind es eher die zufälligen Begegnungen, die dazu führen, dass sich Menschen für seine Arbeit interessieren. Dieses neue Umfeld war auch der Grund für seinen Umzug nach Berlin: “Ich wollte heraus finden wie ich auf neue Einflüsse und die konstante Energie Berlins kreativ reagiere”.

Gaëtan Essayie, der nicht auf Bestellung arbeitet, da er nur seinen eigenen Erwartungen gerecht werden will und dessen Leitsatz “Verkaufe niemals dein erstes Stück!” ist, hat im April die einmalige Gelegenheit seine Werke auf der LOOT Verkaufsmesse im The Museum of Arts and Design in New York auszustellen und damit internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wer sich also zu dieder Zeit im Big Apple aufhält, sollte unbedingt dort vorbei schauen!

Für diejenigen, die bis dahin nicht warten wollen, haben wir einige Stücke in unseren Shop aufgenommen


Bilder: Katrin Schlotterhose



Labelwatch: SUNAD

Labelwatch: SUNAD

Interior: Tableware von Troels Flensted

Interior: Tableware von Troels Flensted