Pirjo Marx - Taschendesignerin „Ich möchte mit meinen Händen arbeiten“

Pirjo Marx - Taschendesignerin „Ich möchte mit meinen Händen arbeiten“

Und wieviele Jobs hast du? Wenn ich von mir persönlich ausgehe, sind es mindestens drei, Tendenz steigend. Einer für die Brötchen, einer für das Herz und einen, den man strategisch für die Zukunft aufbaut. Als Selbständige ist das keine Neuigkeit, der wohl bekloppteste Spruch, den ich immer wieder im Zusammenhang mit selbständiger Arbeit höre ist dieses „stets und ständig“. Das stimmt schon. Wichtig ist aber auch das man eine gesunde Balance aus Zeit und Arbeit findet.

Viele Selbständiger wollen das nicht wahrhaben, rennen dem Geld hinterher und glauben felsenfest an Freiheit. Ob man diese auch so nutzen kann, wenn man mit seiner zweiten Gehirnhälfte schon wieder beim Job oder einer ganz anderen Baustelle ist, bleibt fraglich. Mein halber Freundeskreis ist selbständig und nur ein erschreckend kleiner Teil ist happy damit. Wehklagen über einen späten Feierabend oder manchmal auch gar keinen bis hin zu Planungsunsicherheiten oder nie endende Existenzängste sind dabei fast normal geworden.

Aber man kann viele Dinge anders machen, das habe ich gerade bei unserem letzten Hausbesuch bei Pirjo und ihrem Partner Mario gelernt. Die beiden Selbständigen sind ein Dreamteam, sie machen nicht nur tolle Musik zusammen, sie haben auch ihren Herzensjob vor den Brötchenjob gestellt und entwickeln jetzt Taschen-  in Handarbeit.

 

Ich habe die beiden Kreativen in Pirjos kleiner Wohnung getroffen, die zur Hälfte Werkstatt ist. Die Einraumwohnung in Berlin Kreuzberg ist trotz ihrer wenigen Quadratmeter Inspiration, Gemütlichkeit und Atelier zugleich. Ich habe lange mit Pirjo gesprochen, wie sie auf die Idee kam überhaupt Taschen in Handarbeit zu entwickeln.

Wie eingangs erwähnt, hat auch Pirjo viele Stationen der Selbständigkeit hinter sich. Sie hat lange Jahre als Ausstatterin bei Film und Werbung gearbeitet und immer wieder auch Musik gemacht. Sie schreibt selbst Songs und singt. Neben der Musik, Dreharbeiten und Werbungen sucht sie den Ausgleich in einer Sache zu finden, die wie sie selbst sagt:

 

 „...von Dauer ist. Ich war immer auf der Suche nach etwas Eigenem, etwas das ich in meiner eigenen Geschwindigkeit und nach meinen Regeln machen kann.“ 

 

Die Kurzfristigkeit und die schier unüberschaubaren Baustellen nervten sie irgendwann. Wie viele von uns, hat aber auch Pirjo Existenzängste. „ Der Druck ist schon ziemlich immens. Man hat zwar eine gewisse Freiheit, aber ab einem bestimmten Punkt kann man sie einfach nicht mehr nutzen“. Pirjo beginnt Taschen zu nähen, zu Anfang sind die minimalistischen Modelle aus Stoff gefertigt und sehr aufwendig. Sie probiert sich aus, experimentiert mit verschieden Materialien und bleibt bei einem derben Leder hängen, das sich eben nur in zäher Handarbeit fertigen lässt.

 

Aber genau das macht Pirjo glücklich. Sie will bewusst mit ihren Händen arbeiten, jedes Loch selbst stanzen und mit Nadel und Faden den Sattlerstich perfektionieren. Jede Kante ihrer Taschen wird von Hand gefeilt und jede Niete mit zwei Handgriffen präzise im Material versenkt. Apropos Material: Pirjo hat sich sehr lange mit nachhaltigen Gerbereien auseinandergesetzt und ist letztlich bei Produzenten aus Deutschland und Italien fündig geworden, welche pflanzlich und umweltschonend arbeiten. Genau wie auch das Leder, sucht Pirjo strategisch ihre Add Ons wie Öhsen, Nieten und Schnallen bei kleinen Manufakturen.  

 

Seit gerade einmal einem Jahr arbeitet Pirjo nur noch explizit mit Leder. Sie hat bereits eine große Range an schlichten Lederentwürfen, die durch ihre Schnörkellosigkeit und Einfachheit punkten. Pirjo ist es wichtig zeitlos zu denken und zu entwerfen. 

 

„ Eine Ledertasche wird mit den Jahren immer schöner. Ich denke ein zeitloses Design gefällt einfach länger.“

 

Deshalb ist sie sich in Sachen Mode und Trends auch gar nicht sicher, ob sie in diesem Zirkus immer neuer Kollektionen überhaupt mitspielen möchte. Ich habe sie natürlich gefragt, ob sie vorhat jede Saison eine neue Tasche zu kreieren oder wie ihre Planungen dahingehend aussehen.

Sie sagt dazu selbstbewusst, dass ein Projekt wie dieses Zeit benötigt. Die beiden bauen gerade Step-by-Step Onlineshop, Modelle und Designs. Dann geht es mit der Planung weiter, eventuell mit neuen Farben oder neuen Modellen.

Das ist aber genau das Sympathische daran, denn die Zeit, die sie vorher nicht zu haben schien, nimmt sie dadurch wieder bewusster wahr. Gerade bei der Arbeit mit den Händen erzählte mir Pirjo, dass es absolute Entspannung darstellt. Manchmal will sie nur zwei Stunden etwas machen und der ganze Tag verfliegt wie durch einen scheinbaren Wimpernschlag. Was ich persönlich sehr spannend fand, war die Tatsache, dass Pirjo sich immer wünschte eigene Regeln aufzustellen und in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu arbeiten. Lächelnd berichtet sie mir wie sehr sie diese Entscheidungsfreiheit genießt. "Manchmal switche ich die Arbeitsschritte und merke dann wie man eigentlich geprägt ist von den immer gleichen Abläufen. Wer hat diese Regeln denn so erfunden, frage ich mich oft und dann freue ich mich riesig, dass ich mich nicht daran halten muss. Es passiert ja nichts."

Kreativ und frei zu arbeiten wie Pirjo jetzt, ist natürlich nicht das Allheilmittel gestresster Freelancer, denn auch hier steckt eine Menge Arbeit, Zeit, Passion und manchmal auch sehr große Portion Selbstzweifel dahinter. Wenn man tagtäglich vorwiegend in „seiner Blase“ arbeitet, weiß man nie wie die Entwürfe überhaupt ankommen. Pirjo suchte das Feedback ihrer Freunde, die sie ermunterten und darin bestärkten weiterzumachen. Auch die Interaktion in Sozialen Medien, allen voran Instagram, ist Pirjo wichtig. „Ich liebe es, dass Instagram so international ist. Hier kann ich viel schneller mit Kunden, Designern und Handwerkern aus der ganzen Welt in Kontakt treten.“

Pirjo & Mario machen Musik, die klingt dann so:



 

 

 

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