Kolumne: Die Zeit, die ich verplempere

Kolumne: Die Zeit, die ich verplempere

Ich würde mich als einen kreativen Kopf bezeichnen. Alles was ich sehe, was mich inspiriert, sauge ich auf und lagere es irgendwo in meinem Kopf bis es Platz findet, verarbeitet zu werden. Das kann alles sein, die Schönheit an der Supermarktkasse, ein wehendes Blatt im Wind oder ein Schatten, der subtile Formen malt. Die Bilder verarbeite ich zu Collagen, Texten oder Ideen für neue großartige Projekte, die Agenturen gerade so dringend brauchen. Oder auch ich selbst.

Heute wird es mir aber auch sehr einfach gemacht, meiner Arbeit nachzugehen, denn Inspirationen gibt es überall, wirklich überall, über-über-all, nur nicht in ECHT. Ich greife morgens mein Handy, scrolle das erste Mal an diesem Tag durch Instagram, merke mir die besten, schönsten und vor allem „neuesten“ Bilder, weil in unsere Welt fast nichts mehr neu ist. Und wenn dann der Wecker das Dritte mal geklingelt hat, weiß ich, dass es Zeit ist, aufzustehen, Frühstück zu machen und zu arbeiten. Die Motivation ist, jeden Tag gespannt wie ein Flitzebogen, wenn man das heute überhaupt noch sagt?

Während ich so die ersten Bullet Points meiner Liste angehe, läuft das Pensum eigentlich ganz gut. Dann fange ich das erste Mal an abzudriften, ein Klick hier, ein Klick dort und schnell wieder zurück zum eigentlichen Geschehen. Hat ja keiner gesehen, ich sitze ja die Hälfte meiner Zeit im Home Office. Ertappt fühle ich mich trotzdem. In der nächsten Runde ist der Spannungsbogen schon flacher – das Ziel, die erste Sache des Tages fertig zu machen ohne weitere Ablenkungsmanöver. Das klappt mal gut, am nächsten Tag schon wieder nicht mehr. Die Klicks sind zu verlockend und die anderen Tabs prophezeien brandheißen Shit (not). Dann kommt eine wichtige Mail und drei Klicks später bin ich wieder wo anders, nur nicht beim Fertigmachen meiner Bullet Points. Ärgerlich. Muss ich wohl abends wieder ran.

Die freie Zeiteinteilung – Fluch oder Segen? Ich frage mich oft, wo meine Zeit hinfliegt. Während ich mir darüber Gedanken mache, könnte ich alle meine Probleme sehr schnell lösen: Entweder ich schmeiße mein Telefon aus dem Fenster oder ich lösche, die lebenswichtigen Apps, die mir meine vermeintliche Inspiration bringen.

Ich habe heute einen Selbstversuch gestartet. Ich habe bis um 10 Uhr alle meine Aufgaben in Richtung Social Media erledigt. Dann habe ich diese Apps bis 17 Uhr aus dem Tag verbannt. Zum Schreiben bin ich auf den Balkon ohne Internet, aber dafür mit Aussicht, gegangen. Ich muss zugeben, ich habe an mir bereits einen reflexartigen Griff zum Telefon festgestellt, ähnlich einer Zigarette, die man oft nur aus Langeweile raucht und dann doch nicht schmeckt. Auch wenn die Aussicht noch so schön ist, man hängt drin, mit seiner süchtigen Gier nach soapartigen Neuigkeiten. Der Text heute war gut, er ging flüssiger von der Hand und ich habe endlich mal wieder meinen Gedanken gelauscht und nicht denen der anderen. Und dabei reicht es schon, einfach nur zu sitzen und seinen Gedanken Raum zu geben, egal ob der Blitz einschlägt oder nicht.


Collage Kelly O‘Connor



Instagram Merkzettel: KW 14

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