Das bunte Leben deines zweiten Ichs -  Die Illustratorin und Grafikerin Susann Stefanizen im Interview

Das bunte Leben deines zweiten Ichs - Die Illustratorin und Grafikerin Susann Stefanizen im Interview

Neulich fragte mich jemand, welche Farbe mich glücklich macht. Kurz überlegt: Blau ist eigentlich meine Lieblingsfarbe, aber bei Gelb geht für mich die Sonne auf.

Die meisten Leute, die ich kenne, tragen in Sachen Mode eher gedeckte Farben oder Nicht-Farben wie Weiß oder Schwarz. Tritt man aber ein Stück weit in ihr Leben, sieht man welche Farben die Wände tragen, welche Bilder Akzente setzen und erst dann bekommt man tatsächlich einen Eindruck von den Farben, die sie in Wahrheit glücklich machen und das sind gerne mal solche Knaller wie Orange, Rot oder Grün.

Farben lösen Gefühle aus. Je stärker sie sind, umso stärker sind unsere Assoziationen und unsere inneren Gedankenketten. Farben können gefährlich sein oder witzig und in gekonnten Kombinationen sind sie wie ein warmer Konfettiregen, der es vermag den Alltag zu bereichern.

Gerade bei Illustrationen und Grafiken braucht es oft scharfe Farben und einen Strich, der eine besondere Pointe hervorhebt. Oft sind es schwere Themen, die mit eben diesem Konfettiregen wieder gebrochen werden können, dann sind es wieder ganz, ja allzu banale Themen, denen durch Farb- und Formgebung eine neue Bedeutsamkeit verliehen werden kann. Oder eine Zeichnung steht einfach für sich selbst und die visuelle Vielfalt zeigt den Menschen, die ihr Leben in gedeckten Farben bestreiten müssen, wie aufmunternd, belebend oder mitreißend eine derartige Kunstform sein kann.

Ich habe Susann Stefanizen getroffen. Sie besitzt das seltene Talent aus farblosen Ideen, zaghaften Texten und manchmal auch aus Musik, Illustrationen und Grafiken zu erschaffen, die durch ihre Kreativität und ihren subtilen Humor absolute Eisbrecher sind. Ihre Arbeiten sind bunt und farbenfroh, spielerisch witzig und immer wieder spannend  und manchmal stellte ich mir beim Betrachten die Frage, wie sie wohl so manch aktuelle Entwicklung des Weltgeschehens grafisch darstellen würde. Aber das ist vielleicht ein anderes Thema. Heute möchte ich sie euch erst einmal vorstellen:


Susann Stefanizen by Steffen Roth

Susann Stefanizen by Steffen Roth

Hallo Susann wie bist du eigentlich zur Illustration & zum Grafik-Design gekommen?  

Ich hab früher öfter in Plattenläden nach Musik gestöbert, dabei bin ich meist nach der Optik des Covers gegangen. Manchmal fand ich es total absurd, was für ein Motiv vorn drauf war, weil es meiner Meinung nach überhaupt nicht zur Musik gepasst hat oder ich war positiv überrascht. Auf jeden Fall war das der Moment an dem ich dachte, dass willst du später auch mal machen! Plattencover gestalten. Und tatsächlich hab ich es jetzt geschafft! Ich sitze gerade an der Gestaltung eines Plattencovers.

Dein Stil ist wirklich unverkennbar: Bunt, laut, pointiert auch ein bisschen schelmisch. Wie hat sich diese Handschrift entwickelt?

Ehrlich gesagt war es mir nicht so bewusst, dass ich eine Handschrift habe, erst jetzt als du mich danach fragst, denke ich darüber nach. Ich bin ein großer Fan von Blexbolex, wie er mit Formen und Farben umgeht ist großartig. Durch seine Art der Illustration habe ich für mich entdeckt, dass es mir einfach gefällt Bilder mit Hilfe von Flächen zusammenzustellen und so hat sich mein Stil entwickelt. Das Lustige ist, dass ich mich eher als schüchternen, zurückhaltenden Menschen einschätzen würde, durch die Illustration aber auch einen Weg gefunden habe meine humorvolle Seite herauszulassen und mich nicht zu Ernst zu nehmen.

Mit welchen Materialien arbeitest du am liebsten?

Am Anfang einer Idee steht bei mir meistens eine gekritzelte Skizze mit Bleistift auf Papier. Die Führung eines analogen Stiftes ist irgendwie direkter und organischer, als wenn ich es am Rechner machen würde. Aber ich bin auf jeden Fall auch ein großer Fan von Zeichentablets, sie entsprechen sehr meiner Art zu arbeiten. Man zeichnet etwas, verbessert es, löscht es, fängt wieder von vorn an. Ich mag an Grafiktablets, dass ich hundert Mal einen Strich malen kann bis er mir gefällt ohne dafür immer ein Papier wegzuschmeißen oder mich zu ärgern, dass ich am falschen Rand vom Blatt angefangen habe zu zeichnen. Ich kann immer wieder radieren und zeichnen und das Blatt bekommt kein Loch oder Knicke. Genau richtig für mich.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth
 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth
 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

Was beeinflusst dich, um in dieser Weise kreativ zu sein?

Am meisten beeinflusst mich mein momentaner Gemütszustand. Beim Grafikdesign ist es anders, da kann ich mich hinsetzen und loslegen. Bei Illustration muss ich in der ‚richtigen‘ Stimmung dafür sein. Das kann ich nicht erzwingen und manchmal muss ich mir dann auch eingestehen, heute wirst du zu keinem Ergebnis kommen. Bei Illustration ist es ein anderer innerer Prozess, der abläuft, ich kann ihn nicht ganz erklären, aber ich weiß wenn ich ihn nicht habe, kann ich nichts erzwingen. Wenn ich dann im Flow bin, brauche ich gute Musik, Tee, Schokolade und manchmal auch Duftkerzen um mich während meiner Arbeit zu belohnen und meine anderen Sinne mit einzubeziehen.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

Suchst du aktiv nach Eingebungen?

Meine Arbeit geht einher mit dem Lesen von Texten zu denen ich meistens die Bildstrecken illustriere. Von daher sind die Texte selber schon meine Inspirationsquelle zu der mir Bildwelten einfallen. Wenn es um bestimmte Orte oder Personen geht, muss ich aber auch schon mal googeln um mir ein Bild zu machen.

 

Du arbeitest mit den unterschiedlichsten Arbeitgebern: Welches war dein Lieblingsprojekt bisher?

Mhhh, das fällt mir gerade schwer zu sagen. Bisher hat jedes Projekt seinen Reiz gehabt. Manche sind toll, weil das Ergebnis super ist und manche sind toll, weil die Kommunikation mit den Partnern so viel Spaß macht. Und das ist bisher immer noch das Beste an jedem Projekt, die E-Mail oder der Anruf in dem man gesagt bekommt wie glücklich der Andere mit meiner Arbeit ist.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth
 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

„Das ist der Moment, in dem man sich aus seinem

selbst geschnürten Korsett

 befreit und wieder frei durchatmet.“


 

Gab es auch schon mal einen Blackout?

Ja, sogar erst kürzlich. Es ging um einen Gedichtband, bei dem ich zugesichert hatte die Illustrationen zu liefern. Aus der Erfahrung heraus ist es super anhand von Texten Ideen zu entwickeln, da kommen einem eigentlich immer Bilder in den Sinn. Aber hier hab ich mich unglaublich schwer getan. Da wollte einfach kein Bild vor mir auftauchen. Ich war innerlich völlig am verzweifeln. Weglaufen konnte ich nicht, also stellte ich mich der Angst. Las die Texte immer und immer wieder, bis mir eine Lösung einfiel. Ich fing an Skizzen zu machen und auf einmal war da eine Idee. Das ist der Moment, in dem man sich aus seinem selbst geschnürten Korsett befreit und wieder frei durchatmet. Die Idee ist alles, die Umsetzung dann nur noch ein Klacks.


„Aber genau das ist das Tolle dabei,

es steht kein Druck dahinter.

Es muss nichts dabei entstehen,

was gesehen werden muss.“

 


Welche Projekte machst du nur für dich selbst? Und in welche Richtung gehen diese dann?

Wenn mir alles zu viel wird, dann setz ich mich hin und mach Handarbeit. Es entstehen dann Sachen die keinen Grund brauchen und verschwinden dann wieder im Schrank. Aber genau das ist das Tolle dabei, es steht kein Druck dahinter. Es muss nichts dabei entstehen, was gesehen werden muss. Manchmal ist man im Sog gefangen, dass alles was man macht, gesehen werden muss und das bedeutet, dass Dinge gut werden müssen, also baut man einen innerlichen Druck auf. Und dann bleibt das Ausprobieren und Scheitern auf der Strecke, dabei gehört es genauso dazu und ist sogar sehr wichtig, denn manchmal entstehen aus Fehlern tolle neue Dinge, die man vorher hätte nie so planen können.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

Siehst du dich als Künstlerin?

Nein, dafür mag ich es viel zu sehr, dass jemand mit einer bestimmten Problemstellung auf mich zukommt und ich versuche mit ihm eine visuelle Lösung zu finden. Dies kann in der Grafik oder in der Illustration sein. Für das Künstlerdasein, wie ich es für mich definiere bin ich zu un-freigeistig, ich brauche die Struktur die mir meine Arbeit gibt – hier ist die Aufgabe, ich überlege mir etwas, das Projekt wird umgesetzt und dann kommt das Nächste.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

Wo arbeitest du am liebsten?

Im Studio. Manchmal wache ich früh mit dem romantischen Gedanken auf, heute mal von zu Hause aus zu arbeiten, aber meistens merke ich nach der Hälfte des Tages, dass das nur wieder eine blöde Idee von mir war, denn wenn ich zu Hause bleibe mache ich alles Mögliche, aber konzentriert arbeiten klappt meistens nicht richtig. Es sei denn es ist enormer Zeitdruck dahinter. Der Weg zur Arbeit kann manchmal sogar entscheidend für ein Projekt sein, denn dann lasse ich meine Gedanken schweifen und es entsteht eine Idee für ein Projekt und wenn ich dann bei der Arbeit bin kann ich direkt loslegen und daran arbeiten oder schnell meine Idee skizzieren.

Wie sieht dein perfekter Arbeitstag aus?

Frühmorgens ins Studio gehen. Sonniger Tag, gute Laune. Schnell in den Arbeitsmodus kommen um nachmittags schon alles abgehakt zu haben und danach noch den Tag genießen zu können. Das wäre perfekt, aber leider kommt meistens irgendetwas dazwischen.

Welche Projekte würdest du gerne in naher Zukunft umsetzen?

Ich hab gerade ein paar Sachen die mich interessieren – Weben und Animieren.  Das Weben ist mehr aus persönlichem, die Animation aus beruflichem Interesse. An der Weberei bin ich schon dran, seit einem halben Jahr gehe ich einmal in der Woche zu einem Webkurs, das macht enorm Spaß! Und ich würde gern mehr über das Animieren von Bildern lernen, meine Illustrationen zum Leben erwecken. Das fände ich super.

Vielen Dank Susann.

 Susann Stefanizen, fotografiert am 21.03.2017 in ihrem Büro in Kreuzberg. Foto: Steffen Roth

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