Design: Studio Hammel – Der Plan ist, keinen zu haben.

Design: Studio Hammel – Der Plan ist, keinen zu haben.

Was macht man in einer Zeit, in der alles immer schneller wird, kurzlebiger erscheint und austauschbar geworden ist? In der Mode stehen wir genau an diesem Punkt: Alles ist immer sofort erhältlich, sämtliche Trends von morgen erscheinen uns im Moment der Wahrnehmung als bereits veraltet und satt gesehen und nichts wirklich Neues und Innovatives entsteht.  Arbeit wird zum Motor einer Leistungsgesellschaft, die immer mehr von einem fordert und uns vollkommen einnimmt.

Wenn sich die Welt aber immer schneller dreht und der Mensch dabei nicht mehr mithalten kann, ist es manchmal der Körper der auf die Stopp-Taste drückt und uns ermahnt langsamer zu machen und inne zu halten. Doch gerade jetzt wo die Mode vor sich selbst davon zu rennen scheint und wir ständig getrieben sind von dem Wahn uns selbst zu optimieren, gibt es wieder Menschen, die genau das Gegenteil machen und somit selbst Teil eines neuen Trends werden.

Andrea Cseh kommt selbst aus der Mode und weiß was es mit dieser Trendjagd auf sich hat. Vor Jahren hat sie das Netzwerk THE OFFER gegründet und mit ihrer nahezu ehrenamtlichen Tätigkeit jungen Designern zu Show und Präsentations-Slots abseits der teuren MBFW Venues verholfen. Heute macht Andrea Handarbeit. Langsam, besinnlich und meditativ. Ihr Label heißt Studio Hammel.

Ich habe Andrea zu Hause besucht, wo sie und ihr Mann Christoph sich gegenüber sitzen und arbeiten. Er ist Fotograf, sie kreiert moderne Wallhangings, Kerzenständer, Makraméarbeiten oder entwickelt gerade neue Interior-Schätze. Was, weiß man noch nicht. Andrea arbeitet beispielsweise mit Makramé-Techniken aus den 70ern, denen sie einen poppig-modernen Touch gibt. Gerade ist ihre neue Linie THE BLACK SERIES erschienen - eine Reihe von Wall- und Plant Hangings, inspiriert von Monden, Steinen und organischen Formen, die alle natürlich schwarz und mit Mineralien und patinierten Hölzern und Metallen verziert sind.

Während sie an einem pastellfarbigen Mond arbeitet, der im Anschluss in ihrem TicTail Shop verkauft wird oder vielleicht doch in einen Pop Up Shop geht, unterhalten wir uns zwanglos über ihre Arbeit und ihre Interpretation moderner Handarbeit. An ihre ersten Stücke kann sich Andrea nur schwer erinnern, ihr Mann hilft ihr auf die Sprünge, man merkt, dass beide das Wort Stress aus ihrem urgemütlichen Wohnzimmer verbannt haben. Es herrscht eine Atmosphäre – ruhig und gedankenverloren, hat man den Eindruck. An den Wänden herrscht buntes Treiben, ein Sammelsurium von Studio Hammels gesammelten Arbeiten, Ideen und Pflanzenarrangements. Jede Ecke birgt ein kleines Geheimnis. Während wir uns unterhalten, starre ich 5 Minuten auf einen Schrank mit lauter Kleinigkeiten, ich weiß eigentlich nicht wieso, aber mein Blick bleibt immer wieder an allen möglichen Miniaturschätzen und Fundstücken hängen.  Und ich habe selbst schon ein wenig die Ruhe gefunden.

Auf die Frage, wie man auf die Idee kommt, mit Handarbeit Geld zu verdienen, lacht Andrea. Sie hat es nie forciert. Sie hat einfach gemacht, ohne Konzept und ohne Erfolgsabsichten. In ihrem Wohnzimmer beginnt sie vor Jahren damit, eigene Dekorationsprodukte selbst herzustellen, wie etwa einen Kupferkerzenständer, Stonehangings, Betonvasen oder eben Makramee. Ihre Freunde finden die Sachen so toll, dass sie Andrea nun permanent in den Ohren hängen, sie solle doch ihre Produkte verkaufen. Andrea winkt lächelnd ab. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Andrea erfindet Studio Hammel und startet ihren eigenen TicTail Shop.

Der Shop benötigt eine Weile um Fans und Follower zu gewinnen, aber dank Instagram generiert Andrea in kürzester Zeit immer mehr Anhänger, die ihre Produkte kaufen. Wenn sie heute neue Artikel einstellt, sind sie binnen weniger Stunden verkauft und ihre Kunden schreien nach mehr.

Trotzdem bleibt Andrea gelassen, sie hat weder vor ihre Handarbeit automatisieren zu lassen oder in Masse zu fertigen. Es gibt nur soviel, wie sie gerade machen kann.

„ Wenn ich Dinge in Masse mache, habe ich irgendwann keine Lust mehr auf sie. Das zerstört meinen kompletten kreativen Prozess. Für mich ist die Arbeit die ich mache Entspannung. Ich sehe sie weniger als Arbeit, sondern eher als Passion. Für mich ist es wichtig den kreativen Prozess zu leben, das ist meine Meditation“.

Andreas Einstellung zu ihrer Arbeit ist in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil von dem, womit heute der Großteil der Gesellschaft seinen Lebensunterhalt bestreitet. Sie arbeitet aus Leidenschaft und scheinbar ohne Konzept, gekrönt von dem großen Glücksfaktor davon leben zu können. Trotz vieler Anfragen und Kooperationen bleibt sie ihrem Tempo treu und versucht sich in neuen Feldern und kreativen Prozessen.  Ich wollte von ihr wissen, ob sie jemals daran gedacht hat, zu expandieren.  Ihre Antwort darauf war erschreckend einfach: Nein. Denn durch ihre Arbeitsweise hat sie genug Raum für neue kreative Ideen, die wie sie selbst sagt, nicht in Hektik und Eile entstehen. Für die Auswahl ihrer Mineralien benötigt es Zeit und Muse. Auch die Add Ons wie Holz und Metalle werden durch kleinteilige Prozesse erst zu dem, was sie bei den fertigen Hangings so einzigartig macht und ihnen die entsprechende Patina verleiht, die ihres Erachtens dem Objekt erst das richtige Feeling geben.

Gefühle und Stimmungen schwingen auch bei der Auswahl der Materialien mit. Wer glaubt Andrea geht mal kurz in einen Laden um die Ecke, irrt gewaltig. Jeder Stein, jedes Objekt findet durch die unterschiedlichsten Umstände und Gegebenheiten zu ihr, oftmals bei Reisen und fügt sich so ein in ihre ganz individuellen und einzigartigen Designs. Das macht jedes Teil so besonders.Genau diese Einstellung gibt sie auch ihrem zwölfjährigen Sohn mit.

„ Es geht nicht darum das Ergebnis zu bewerten, es geht um das Machen.“

Besonders sind auch ihre Auftragsarbeiten. H&M beauftragte sie im vergangenen Sommer aus alten Jeans einen Wandteppich für eine Kampagne zu entwerfen, ein weiteres Modell aus Wolle ziert nun auch den H&M Showroom in München. Mittlerweile erhält sie viele solcher Anfragen, von Galerien, Modeunternehmen und anderen Kunden, die sich ihre ganz eigene Wanddekorationen wünschen.

Trotz ihrer Vielseitigkeit würde sich Andrea aber nie als Künstlerin sehen. Ihr Mann Christoph sieht das anders, wie viele ihrer Freunde auch.

„Andrea ist eine Künstlerin“.

Er ist fest davon überzeugt, dass das, was Andrea in liebevoller Handarbeit schafft, Kunst ist. Sie aber traut sich (noch nicht), sich mit diesem großen Wort „Kunst“ zu identifizieren.  In ihrer Küche hängt beispielsweise eine Malerei von einem Hund mit einer blau-weiß gestreiften Badehose um das Hinterteil. Ein absolut beeindruckendes Bild. Darauf angesprochen sagt sie, dass es sich dabei "nur" um eines ihrer frühen Werke handelt und sie die Malerei gerade nicht wirklich verfolgt. Stattdessen sitzt sie an neuen Projekten und versucht sich in kunstvoller Stickerei. In Zusammenarbeit mit der Malerin Jennifer Burtchen wird es bald in Stickereien übertragene Zeichnungen geben. Die beiden Künstlerinnen erarbeiten gerade erste Tests und feixen schon, wann sie ihre erste Ausstellung im Hamburger Bahnhof eröffnen können. Schaut man sich das Potential beider Frauen an, scheint dieser Witz gar nicht mal so abwegig.


Bilder: Steffen Roth


Wir haben Studio Hammel auch bei uns im Shop

 

 

 

 

What‘s hot right now: Zign launcht STUDIO Kollektion

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Trendfarben 2017: Pantone 18-0107 Kale

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