Die Flucht nach vorn

Die Flucht nach vorn

 

Großstädte leben von ihrer Anonymität. Das ist ein Fakt, ein Verhängnis und ein Segen.

In Städten kann man tun was man will, sich betrinken bis zur Besinnungslosigkeit und soviel Unfug treiben, der wenn man es gut anstellt, nie, niemals auch nur in den kühnsten Träumen ans Licht kommen wird. Man kann sich in der Fremde besser verstecken als irgendwo im gut geplanten Unterholz. Verstecken ist das Stichwort!

Ich komme nicht aus einer Großstadt, ich komme vom Land und habe mich in den Jahren von einer dörflichen Gegend über Kleinstädte, Kreisstädte bis hin zu Metropolen hochgearbeitet. Das hatte verschiedene Gründe, zum einen war ich immer auf der Suche und gleichzeitig auch immer auf der Flucht. Die Suche nach mir selbst hat mir natürlich auch den einen oder anderen Geliebten über den Weg geschickt, vor dem ich dann meistens auf der Flucht war und das Wegziehen präferiert habe. Mittlerweile lebe ich in  Berlin und habe die Suche eingestellt. Nicht das ich alles gefunden hätte, wonach ich gesucht habe, ich habe einfach aufgehört das Motto „Höher, schneller, weiter“ zu zelebrieren und habe gelernt wie einfach das Verstecken hier sein kann. Telefon aus, eine andere Bahn, ein neues Café und neue Gewohnheiten machen das Leben sowieso viel schöner. Das lebte ich bis kurz vor meinem 30. Geburtstag.

Ich vergaß zu erwähnen, dass ich seit frühster Jugend versprochen bin –lose versprochen, nicht so wie in anderen Kulturkreisen, wo die Flucht vor einer Heirat weitreichende Folgen haben würde.  Wir waren Kinder, wurden Freunde, Beste, Kumpels, Gefährten und immer im Hinterkopf: wenn wir bis 30 nicht verheiratet sind, würden wir die Verwegenheit unserer Kindheit in einer Ehe münden lassen. Warum nicht, Freunde tun so etwas einfach, es war als realistischer Backup gedacht, der Dinge vereinfachen sollte, nicht erschweren. Dieses lose Versprechen begleitete mich über die Jahre auf der Flucht, es war weit hinten in einer Schublade meines Kopfes vergraben, die immer dann aufsprang, wenn man die heimischen Gefilde betrat, aber selbst dann leise belächelt habe.

Vielen Frauen klagen über die imaginäre Schwelle der 30er. Das heißt erwachsen werden, Kinder, Heirat gesetztes Leben oder einfach älter werden, die Jugendlichkeit und Frische vergraben und sich mit Gegebenheiten abfinden. Ich hatte niemals DAVOR Angst, aber auch ich hatte Angst vor dieser Schwelle. Auf einmal begann die Schublade in meinem Kopf zu rütteln,  auf und zu, immer wieder. Da sollte ein Versprechen eingefordert werden, welches ich nicht mehr halten konnte, wollte.  Beinahe krampfhaft suchte ich einen Freund, den ich vorschieben konnte, nur um nicht als Single deklariert zu werden. Das klappte natürlich nicht! Allen Umständen zum Übel zerrt die Heimat in regelmäßigen Abständen nach Kontrolle: Ostern, Weihnachten, Familie, Erinnerung, ein schönes Sammelsurium fast vergessener Geschichten und immer ist da Alkohol. Er betäubt und macht redseliger, ob es nun Märchen sind, Halbwahrheiten oder Anknüpfungspunkte; auch diese Heirat trat immer wieder aufs Trapez.

Es kam wie es kommen musste, Eier suchen wir schon lange nicht mehr: nüchternes abschecken, drei Drinks später folgen noch freundschaftliche Umarmungen bis alltäglichen Routinen in transparenten Shots ersoffen werden. Das Ende ist ein Liebesgesäusel, das mich wieder in die Ferne treibt und immer wieder daran erinnert, dass wir Freunde sind. Nur Freunde.

Illustration: Coco de Paris

 

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